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Sexualisierte Gewalt

Der Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) hat auf dem Bundesrat IV/2009 ein Präventionsmodell für den VCP beschlossen. Wir zitieren hier aus der Handreichung für Verantwortungsträgerinnen und -träger im VCP, „Aktiv! gegen sexualisierte Gewalt“, weil wir das Vorgehen des VCP für fundiert und wegweisend für die Auseinandersetzung mit diesem Thema in der Evangelischen Jugend der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers halten. Um der Allgemeinverständlichkeit des Textes willen ersetzen wir „VCP“ durch „Evangelische Jugend“ bzw. evangelische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

Sexualisierte Gewalt - was ist das?

Sexualisierte Gewalt beginnt dort, wo ein Mensch beginnt, seine sexuelle Erregung zu suchen, oder mit sexuellen Mitteln andere Ziele verfolgt (z. B. Machtausübung), ohne dass er auf die freie und informierte Zustimmung des Gegenübers zählt oder zählen kann. Das bedeutet, alle Grenzverletzungen in Verbindung mit einer sexuellen Handlung, egal in welcher Abstufung, die zwischen Erwachsenen und Kindern/Jugendlichen (oder auch zwischen Kindern und Jugendlichen) vorkommen, sind immer sexualisierte Gewalt.

Dieses Begriffsverständnis erweist sich für die Praxis zum derzeitigen Wissensstand als umfassend. Bis heute gibt es in Deutschland jedoch keine offiziell vereinbarte Definition von sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen.

[Es geht jedoch nicht darum, mit dem Begriff der sexualisierten Gewalt kindliche und jugendliche Sexualität generell zu verurteilen. Jugendliche und auch Kinder sind sexuelle Wesen und haben sexuelle Bedürfnisse. Sie sind interessiert an ihrem eigenen Körper, dem Körper anderer Kinder und Jugendlicher und dem Erwachsener. Es gibt Kontakte zwischen Kindern und zwischen Jugendlichen, die kindlicher und jugendlicher Sexualität entsprechen (angefangen mit Doktorspielen im Kindergartenalter). Das heißt: Beide empfinden es als angenehm, sind wirklich gleichberechtigt, der Altersunterschied ist nicht zu groß und es geht nicht um Machtausübung.]

Formen sexualisierter Gewalt

Sexualisierte Gewalt kommt in vielen Formen und Abstufungen vor. Dabei kann zwischen Formen mit und ohne Körperkontakt unterschieden werden. Sobald eine Grenzverletzung stattfindet, spricht man von sexualisierter Gewalt. Wann die eigene Grenze verletzt wird, spürt das Kind oder die/der Jugendliche.

Dies kann individuell verschieden sowie alters- und geschlechtsabhängig sein. Allen Formen sexualisierter Gewalt ist gemein, dass sie zerstörerisch sind und in der Seele der Opfer verheerenden Schaden anrichten können.

[So kann es für ein zehnjähriges Mädchen aufgrund der Schamentwicklung schon äußerst unangenehm sein, wenn Vater oder Mutter ins Bad kommen, wenn sie duscht. Für einen gleichaltrigen Jungen jedoch kann dies völlig normal sein.]

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Eine Definition

Sexualisierte Gewalt ist eine individuelle, alters- und geschlechtsunabhängige Grenzverletzung und meint jede sexuelle Handlung, die an oder vor einem Kind oder einer/einem Jugendlichen entweder gegen deren/dessen Willen vorgenommen wird oder der das Kind oder die/der Jugendliche aufgrund körperlicher, psychischer, kognitiver oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann.

[Häufig findet sich im Sprachgebrauch auch der Begriff des „sexuellen Missbrauchs“. Die Evangelische Jugend bevorzugt jedoch den Begriff der sexualisierten Gewalt, da viele „missbrauchte“ Menschen die Selbstkategorisierung als „missbraucht“ ablehnen, denn dies bedeutet nach ihrem Verständnis, dass es dem „missbrauchenden“ Menschen gelungen ist, sie zu einem Gegenstand zu machen, der sie nie – auch während der „Missbrauchshandlung“ nicht – gewesen sind. Des Weiteren wird die Verwendung des Begriffes „Missbrauch“ kritisiert, insofern als dies fälschlicherweise die Möglichkeit eines zulässigen sexuellen Gebrauchs implizieren könnte.]

Täterinnen und Täter nutzen ihre eigene Macht und Autoritätsposition aus, um ihre Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen (Bange & Deegener, 1996).

Zentral ist dabei die Verpflichtung zur Geheimhaltung, die das Kind oder die/ den Jugendliche/n zur Sprachlosigkeit, Wehrlosigkeit und Hilflosigkeit verurteilt (Sgroi, 1982). Sexualisierte Gewalt ist von der Täterin/dem Täter geplant und passiert niemals aus Versehen.

Quelle: VCP, „Aktiv! gegen sexualisierte Gewalt"

Sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt

  • sexualisierte Küsse und Zungenküsse

  • Berührungen des bekleideten Opfers an Brust, Gesäß oder den Genitalien

Von schweren oder massiven Formen sexualisierter Gewalt spricht man bei:

  • Zwang zu sexuellen Handlungen (z. B. Selbstbefriedigung)

  • Berührung der Genitalien von bzw. durch Täterin oder Täter

  • vaginale oder anale Penetration

  • anale, orale oder genitale Vergewaltigung

Sexualisierte Gewalt ohne Körperkontakt

  • Exhibitionismus

  • Voyeurismus

  • gemeinsames Anschauen von Pornografie bzw. das Versenden pornografischer Fotos per E-Mail oder MMS an Kinder und Jugendliche

  • Gespräche, Filme oder Bilder mit sexuellem Inhalt, die nicht altersgemäß sind

  • sich vor anderen ausziehen müssen

  • ständige verbale oder non-verbale Kommentierung der körperlichen Entwicklung der Geschlechtsmerkmale eines Kindes oder einer/eines Jugendlichen

  • beim Baden/Duschen beobachtet werden

  • sexualisierte Sprache (geiler Arsch, scharfe Titten, schwuler Wichser, …)

  • Kinder oder Jugendliche in Chaträumen im Internet belästigen, sie auffordern, sexuelle Handlungen an sich vorzunehmen

Sexualisierte Gewalt in der Jugend und im Elternhaus

Als Gruppenleitungen oder Verantwortliche in der Evangelischen Jugend gilt es wachsam zu sein und entschieden gegen sexualisierte Gewalt einzutreten. Dabei geht es nicht nur um sexualisierte Gewalterfahrungen, die innerhalb der Evangelischen Jugend stattfinden könnten, sondern gleichermaßen auch darum, Kinder und Jugendliche zu schützen, die sexualisierte Übergriffe außerhalb der Evangelischen Jugend erleben, z. B. im Elternhaus. Unsere Verantwortung endet nicht, sobald die Taten außerhalb der Evangelischen Jugend stattfinden, denn Kinder und Jugendliche müssen überall vor sexualisierter Gewalt geschützt werden.